Mitteilungen

„Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle derselbe bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht un­se­re Ausweispapiere. Sie möge uns freigeben, wenn es sich darum handelt zu schreiben.“  (Michel Foucault)

Aktuell

Januar 2014♦ Ich habe die Arbeit an meinem Text zur Frei­heits­pro­ble­ma­tik abgeschlossen. Sein endgültiger Titel lautet: „Ver­such über die Mög­lich­keit und die Un­mög­lich­keit von Frei­heit. Entwurf eines relativistischen Frei­heits­kon­zepts“. Der Text wird demnächst in einem Sammelband im Parodos-Verlag erscheinen: Freiheit zwischen Normativität und Kre­a­ti­vi­tät, hrsg. v. I. Eckle, M. Heinze et al., Berlin 2016.

♦ Ich habe meinen Lektüreplan geändert. Angesichts ge­wis­ser politischer Dringlichkeiten schien es mir sinnvoll, er­neut Texte der Kritischen Theorie auf meine Agenda zu set­zen; aber z.B. auch: Joseph Vogl, Das Gespenst des Ka­pi­tals. – Lektüre als Form des Widerstands gegen den gegenwärtigen Weltzustand …

Berlin, März 2016

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Wundern wir uns mit Lévinas, dass wir aufgehört haben, uns zu wundern. So wird aus dem Ende von Philosophie doch noch Philosophie.

Berlin, 21. März 2016

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Kann man nicht sagen, dass es in einer Gesellschaft, deren demokratische Werte, ja deren rechtstaatliche Existenz mitt­ler­wei­le durch terroristi­sche Anschläge islamischer Fundamentalisten bedroht ist, Wichtigeres gibt, als Gesell­schaftskritik zu üben oder gar Widerstand zu leisten? Muss man nicht, angesichts solcher Bedrohung, diese Ge­sell­schaft und ihre Werte verteidi­gen, statt sie zu kritisieren oder ihren – vergleichsweise harmlosen – Zumutungen ge­gen­über Widerstand zu lei­sten? – Ich bemühe mich ge­ra­de, auf diese – wirklich drän­gen­de – Frage eine Antwort zu finden.

Berlin, 5. Februar 2016

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Archiv

Teilhabe-Verweigerung

Ich habe in den letzten zwei / drei Monaten einen Text zum Thema „Partizipation in der Kunst verfasst; er wird im zweiten Quartal 2016 im Kunst­forum erscheinen. Mit diesem Text unter dem Titel „Die Ubiquität von Partizipation und ihre Folgen für die künst­le­ri­sche Produktion“ hat es seine besondere Be­wandtnis. Damit meine ich nicht das The­ma (das durchaus zu meinem ge­genwärtigen – politiktheoretischen – Arbeitsschwer­punkt passt), sondern die Umstände, unter denen er entstanden ist:

Obwohl ich seit über dreißig Jahren Bücher – und v.a. Texte in Büchern – ver­öf­fent­li­che, hatte ich mir, nach langem persön­lichen Ringen, mit Be­ginn mei­nes Internet-Blogs im Jahr 2012 vorgenommen, nur noch in Ausnahmefällen für Buch­beiträge zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Denn das Verhältnis zwischen dem hohen Qualitäts­an­spruch, den der Buchdruck meiner Vorstellung zufolge nach wie vor bedeutet, und der Unerfüllbarkeit dieses Anspruchs in einer Welt des rasenden Stillstands ist für mich im Laufe der Jahre fast unerträglich geworden.

Aus zwei Gründen: Zum einen, weil die Arbeit und die Mühe, die man in Buchbeiträge investiert, seit einiger Zeit in keinem Verhältnis mehr steht zu der geringen Zahl der Leser, die man durch solche Beiträge erreicht, bzw. zur geringen Dauer, mit der sich heute ein Buch überhaupt noch am Markt halten kann. Und zum anderen, weil es in Kenntnis dieses Missverhältnisses immer weniger Ver­leger gibt, die bereit sind, noch qualitativ hochwertige Bücher auf den Markt zu bringen, zumindest in der „Sparte“, in der ich arbeite, der der Philosophie.

Anders gesagt, da ich seit über dreißig Jahren Texte in Büchern veröffentliche und ein gro­ßer Liebhaber von Büchern bin – von wirklichen Büchern und nicht von diesem E- Publishing- oder Print-On-Demand-Schrott, den man heute zu lächerlich über­höhten Preisen angeboten bekommt –, schmerzt es mich zu sehen, wie die Kunst des Bü­cher­ma­chens langsam ausstirbt. Wenn selbst renommierte Verlage lektorats- und ma­te­ri­al­tech­nisch nachlässig produzierte Bücher auf den Markt werfen, stimmt etwas Grund­sätz­li­ches nicht.

Viele meiner Texte entstehen oft über mehrere Monate in mühevoller Kleinstarbeit; je­der Satz, je­des Wort ist wohlüberlegt – und wo werden die Texte in der Regel ver­öf­fent­licht? In irgendwelchen leichtfertig zusammengeklebten Broschüren, die schon nach wenigen Wochen des Lesens in ihre Einzelteile, Seiten und Cover, auseinanderfallen – ich meine, des wirklichen Lesens und nicht nur des schnellen Durchschauens, auf das sich heute viele „Leser“ leider beschränken. Ich habe an einem solchen Widersinn im Lau­fe der Jahre immer weniger Interesse gefunden; und er hat schließlich dazu geführt, dass ich meine Texte lieber im Internet veröffentliche (z.B. in meinem Blog) als an­ders­wo.

Aber was hat das alles mit dem Titel meines Beitrages zum Kunst­forum „Die Ubiquität von Partizipation und ihre Folgen für die künstlerische Produktion“ zu tun? Ganz ein­fach: Ich finde, sehr viel grundlegender – und dringender – als die Frage, wie man par­ti­zi­pie­ren kann, ist doch wohl heute, in der noch unvollendeten Demokratie, die Frage, wie man nicht partizipieren kann, wie man sich den Paradoxien, den die­se unsere Welt zu bieten hat, entziehen, wie man Widerstand leisten kann. Darauf gehe ich gegen­wär­tig in einigen Beiträgen in meinem Blog ein (vgl. die Beiträge vom 30.11.15 und vom 20.12.15).

Emmanuel Lévinas fragt in seinem berühmten Text ‚Die Philosophie und die Idee des Unendlichen‘ zu Recht: „Wie nicht in der Teilhabe versinken?“ (vgl. Die Spur des An­de­ren, Freiburg / München 1998, 197). Das ist gegenwärtig die Frage des Wider­standes. Denn alle Welt in der noch unvollendeten Demokratie der westlichen Welt hat Teil an der Welt, jeder ist ein Teil ihrer ontologischen Tautologie: der Idee des „Was-ist-das-ist“. Aber wer will schon in einer Tautologie leben? – Ich wünsche meinen Lesern für 2016 ein besseres Jahr.

Berlin, 31. Dezember 2015

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Notiz nach den Anschlägen von Paris am 13.11.15

Wird es wirklich hell, wenn jemand spricht? Den Glauben daran habe ich mittlerweile verloren. Die Inter­sub­jek­tivität, das Gemeinsame von Mensch zu Mensch, der Hu­ma­nis­mus wird im Allgemeinen überschätzt. Deswegen sind all die Intersubjektivitätstheorien so blass, die gegenwärtig unseren Ideenhimmel erhellen. Men­schen sind eben­so „Be­sti­en“ wie andere Tiere, ob sie nun sprechen oder nicht, ob sie mit Vernunft oder nicht mit Ver­nunft, vielleicht mit Nicht-Vernunft begabt sind: mit religiösem Wahn z.B., öko­no­mi­scher Gier oder der Sucht, an­dere zu beherrschen und auszubeuten. Dazu nämlich, das wird oft vergessen, sind nur Menschen, keine Tiere fä­hig. Es ist eine Illu­sion zu mei­nen, Sprache, Vernunft oder die Fä­hig­keit zur theory of mind würden die Menschen ihrer natürlichen Herkunft derart weit entfremden, dass sie wirk­lich das der Bestie ge­gen­über Andere darstellen würden. Wir sind – das ist die bittere Wahrheit – nur andere Bestien.

Berlin, 17. November 2015

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Hinweis

Ich werde von Lesern immer wieder danach gefragt, wie man sich einen guten Über­blick über die Themen und Artikel meines philosophischen Blogs verschaffen kann. Es gibt hierzu verschiedene Möglichkeiten:

  1. Die erste und beste Möglichkeit besteht darin, sich eine Liste aller bisher ver­öf­fent­lich­ten Beiträge anzeigen zu lassen, hier.
  2. Eine zweite Möglichkeit stellen die verschiedenen Kategorien dar, unter denen die Beiträge sortiert sind, z.B. „Aphorismen“, „Einfälle“, „Skizzen“ oder „Blog-Hin­wei­se“. Diese Kategorien lassen sich in der rechten Spalte des Blogs (unter den Mo­nats­an­ga­ben des „Archivs“) aufrufen.
  3. Und eine dritte Möglichkeit bietet das von WordPress zur Verfügung gestellte Such-Fenster oben rechts in jedem Blog zur gezielten Suche nach Stichworten, z.B. „Philosophiewissenschaft“, „Transzendenz“ etc. oder nach Namen, z.B. „Ha­bermas“ oder „Kafka“ etc.

Ich überlege derzeit, die Suche nach einzelnen Themenblöcken bzw. den Überblick über den gesamten Blog mit seinen mittlerweile weit über 100 Beiträgen noch be­nut­zer­freund­li­cher zu gestalten. Dabei denke ich an so etwas wie ein geordnetes In­halts­ver­zeich­nis mit kapitelähnlichen Überschriften zu den einzelnen Links, möchte meine Le­ser aber dafür noch um etwas Geduld bitten.

Berlin, 30.Oktober 2015

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All of us are Immigrants / All of us are Refugees

„A home is a house away from home” lautet ein beeindruckender Satz, den ich in den Liner Notes der einzigen, 1979 veröffentlichten Solo-LP bzw. -CD ‚Thanks I’ll eat it here‘ von Lowell George lese, dem ehemaligen Sänger und Slide-Gitarristen der legendären Southern-Blues-Swamp-Rock Formati­on ‚Little Feat‘ (vielleicht erinnert sich noch je­mand). Der Satz findet sich dort, ziemlich versteckt, un­ter den Credits, in denen einigen Personen, vermutlich Freun­den Lowell Georges, Epitheta und Slo­gans zugeordnet wer­den, unter anderen auch einer / einem gewis­sen Sandy Smith: „a home is a hou­­se away from home“ (Booklet Zeile 28f; CD-Re-Edition 1993, Warner Bros. 7599-26755-2).

Mich beeindruckte dieser Satz, weil er mit seiner Unterscheidung von Zuhause-Sein und Heimat: der Konstruktion eines Zuhauses fernab von der Heimat, also einer Heimat ohne Heimat, nicht nur mein eigenes, sondern wohl auch ein allgemeines Lebensgefühl ausdrückt. Ich kann hier nur noch einmal wiederholen, was ich an anderer Stelle schon des Öfteren gesagt habe: Heimat gibt es im strengen Sinne gar nicht, sie ist nichts Ge­ge­be­nes, kein Positives, kein Datum; sie muss erst ge­schaf­­fen oder konstruiert werden. So wie auch der Sinn nicht einfach da ist, die Existenz an sich keinen Sinn hat, sondern ihr Sinn erst durch die symbolisch-semiotische Tätigkeit des Menschen er­zeugt wird, ein Konstrukt ist. Der Mensch schafft sich sein Zuhause. Er versucht, in der Welt hei­misch zu werden. Und nicht jedem gelingt es.

Dabei handelt es sich im Grunde um dieselbe – philosophische – Message, die sich auch in einem Song von Steve Earle mit dem Titel „City of Immigrants“ wiederfindet, in dem es heißt: „Livin‘ in a city of immigrants / I don’t need to go travelin‘ / open my door and the world walks in / livin‘ in a city of immigrants“. Mit der Stadt der Immigranten meint Steve Earle zwar buchstäblich New York, aber im übertragenen Sinne leben wir alle in dieser Stadt, sind aus dem Exil in sie zurückgekehrt, le­ben im Exil des Exils, in einer Heimat ohne Heimat – dialektisch gesprochen: in der Negation der Ne­ga­tion. Wir sind fremd in dieser Welt, und doch ist sie unser einziges Zuhause: „All of us are im­mi­grants!“

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Ich bin zufällig in diesem Land geboren; ich habe nichts dafür getan. Meine Existenz war und ist kontingent – wie jede. Und sie wird nicht weniger kontingent dadurch, dass ich mich in diesem Land häuslich und heimatlich eingerichtet habe; das fiel mir weißgott nicht schwer. Wenn also jemand kommt und sagt: „Dieser Flüchtling da, der belastet un­ser Sozialsystem, der lebt hier auf unsere Kosten.“, so sage ich ihm nicht nur: „Denk doch mal nach, dieser Mensch ist in Not!“, sondern ich sage auch: „Du nimmst Dich viel zu wichtig; Du hast die Kontingenz Deiner Existenz offenbar über­haupt noch nicht be­grif­fen. Wer glaubst Du denn, wer Du bist?“

Wer glaubt, dass alles so, wie es ist, sein Leben hier in Deutschland und das des An­de­ren in einem anderen Land, auch so zu sein habe (der Positivist), dass alles dies, so wie es ist, notwendig sei (der Determinist) oder dass es eine höhere Macht gebe, die ihn selbst unverrückbar an seinen und den Anderen an einen anderen Ort gestellt habe (der religiöse Dogmatist), wer daher glaubt, dass alles Schicksal und nichts zufällig ist (der Fatalist), der kann sich hinstellen und sagen: „Du nimmst Dir etwas, was mir ge­hört. Und es ist nicht rechtens, dass Du hier bist! Verschwinde, geh wieder dahin zu­rück, wo Du hingehörst!“

Ich sage: Derjenige, der das sagt, der so spricht, der es wagt, so zu sprechen, sich so wichtig zu neh­men, wichtiger als den Anderen, unterscheidet sich nicht von den­jeni­gen, die den Flüchtling zur Flucht getrieben, die ihn mit Krieg und Elend überzogen haben. Ich sage: Auch er ist, wenn auch vielleicht kein Terro­rist, ein Fundamentalist, viel­leicht kein religiöser, aber doch in jedem Fall ein ökonomischer. So­lan­ge aber Fun­da­men­ta­li­sten – ontologische, ökonomische, religiöse – anderen Menschen das Recht streitig ma­chen, nicht positi­vistisch, nicht deterministisch, nicht dogmatisch oder nicht fa­ta­li­stisch zu sein, nicht nach fundamentalistischen Re­geln zu leben, solange wird es Flücht­lin­ge geben, so­lange sind wir alle Flüchtlinge: „All of us are re­fugees!“.

Berlin, 25. September 2015

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Versuch über Vergänglichkeit

Ein alter Freund bat mich vor kurzem, für die Ver­nis­sage einer soeben eröffneten Aus­stel­lung zum Thema „Ver­gäng­lich­keit“ ei­nen kleinen Text zu schreiben. Ich kam dieser Bitte gerne nach; zumal uns das Thema durch einen gemeinsamen ver­stor­be­nen Freund – vgl. Martin A. (Verlorene Freunde II) – verbindet. Die Bitte brachte mich aber auch in eine gewisse Verlegenheit. Ich denke nämlich, dass es zum Thema „Ver­gäng­lichkeit“ – will man nicht wirklich weit ausholen – nicht mehr sehr viel Neues zu sagen gibt. Der Implemenz-Gedanke (vgl. Biographie), den ich zu fassen versuche, ist in der existenziellen Dimension, in der mein kleiner Text angesiedelt ist, im Grunde eine Selbst­ver­ständ­lichkeit. Für das konkrete Zeit-Leben und -Erleben eines Men­schen ist er zwar, meine ich, wichtig, aber auch nicht gerade herausfordernd.

Die Schwierigkeiten des Themas liegen im Detail und in den Folgen für das Denken der Zeit. Sie sind nicht zu „lösen“ (zumindest nicht im engeren Sinne), denn mit „logischen“ Dingen geht es hier nicht zu. Ich bewundere zwar durchaus die v.a. aus der analy­tischen Philosophie und den Naturwissenschaften, insbesondere der Physik kommen­den Ver­suche, das Problem „rational“, mit „wissenschaftlichen“ Mitteln zu lösen (z.B. Boltzmann, Prigogine, Maturana, Penrose, Hawking etc.), aber letztlich ist das ein we­nig kindisch, wie Vieles, was unsere modernen Wissenschaften so treiben. Denn es trägt für das eigentliche, existenzielle Thema – das der Vergänglichkeit – nichts aus. Hier bleiben wir so ratlos wie eh und je: Unsere Tage altern und vergehen, aber wir wis­sen nicht, wie uns geschieht.

Für Matt Grau, in gemeinsamer Erinnerung an M.A.

Was bedeutet Vergänglichkeit? – Vergänglichkeit bedeutet nicht, obwohl wir daran wahr­scheinlich als Allererstes denken, die Vergäng­lich­keit des Lebens. Für diese Vergänglichkeit haben wir ein eige­nes Wort. Wir nennen sie Sterblichkeit.

Vergänglich­keit bedeutet mehr. Vergänglichkeit bedeutet, genau genommen, End­lich­keit. Sie meint die Endlichkeit alles Irdi­schen, also alles dessen, was von dieser, was von unserer Erde ist: Mensch­li­ches und Nicht-Menschliches, Lebendiges und Nicht-Lebendiges.

Vergänglichkeit umfasst also mehr als Sterblichkeit. Und dennoch gibt es zwischen Ver­gäng­lich­keit und Sterblichkeit eine geheime Verbindung, die über den Unterschied zwi­schen dem Umfängliche­ren, Allgemeinen und dem weniger Umfänglichen, Besonderen weit hinausgeht.

Darüber, über diese geheime Verbindung zwischen Vergänglichkeit und Sterblichkeit, die über das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem hinausgeht, möchte ich spre­chen, versuche ich zu sprechen.

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Wenn wir darüber nachdenken, was Vergänglichkeit meint, so fällt uns zunächst der Wort­laut, das Wort selbst ins Auge: In der Vergänglichkeit steckt die Vergangenheit, das Vergangensein dessen, was einmal war.

Aber das Vergangensein dessen, was einmal war, muss – irgendwo, irgendwie, ir­gend­wem – gegen­wärtig sein. Denn wenn das Vergangensein selbst vergangen wäre, wäre es dann noch Vergan­gen­sein?

Alles, was vergangen ist, war einmal gegenwärtig. Wir können keine Vergangenheit oh­ne Gegenwart denken. Ein Vergangenes, das nicht gegenwärtig war – ja, nicht ge­gen­wär­tig ist, sonst wäre es ja kein Vergangenes – was wäre es?

Aber auch das Zukünftige ist nicht gegenwärtig. Denn es ist ein Gesetz der Zeit, dass die Gegen­wart zwei Gegensätze hat: die Vergangenheit und die Zukunft, dass beide, so­wohl das Vergangene als auch das Zukünftige, nicht gegenwärtig sind.

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Aber hier gibt es einen Unterschied, der selten bedacht wird. Denn das Vergangene ist auf andere Weise nicht gegenwärtig als das Zukünftige. Worin besteht dieser Un­ter­schied?

Während das Vergangene, weil es hinter uns liegt und die Gegenwart schon durch­lau­fen hat, in ge­wisser Weise immer noch gegenwärtig ist, ist das Zukünftige, weil es vor uns liegt und die Gegen­wart noch nicht durchlaufen hat, in gar keiner Weise ge­gen­wär­tig.

Anders gesagt, das Vergangene und das Zukünftige sind zwar beide nicht gegenwärtig, aber das Ver­gangene hatte bereits Kontakt mit der Gegenwart, war einmal gegenwärtig (denn sonst wäre es ja kein Vergangenes), während das Zukünftige auf seinen Kontakt mit der Gegenwart gewissermaßen ständig wartet.

Das macht den entscheidenden Unterschied zwischen der Nicht-Gegenwärtigkeit des Vergangenen und der Nicht-Gegenwärtigkeit des Zukünftigen aus: Das Vergangene war bereits einmal gegen­wär­tig, das Zukünftige gerade nicht.

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In welcher Weise aber hat das Vergangene immer noch Kontakt mit der Gegenwart, ist das Vergan­ge­ne, trotz seines Vergangenseins, immer noch gegenwärtig? In der Weise der zeitlichen Verkettung, die eine Bindung des Vergangenen an die Gegenwart und des Gegenwärtigen an die Vergangenheit mit sich bringt.

Die Kette der Zeit – sie ist eine Kette, die aus aus unendlichen Gliedern besteht – bin­det alles, was einmal war, an das, was ist, und alles, was ist, an das, was einmal war. Gäbe es diese Kette nicht, gä­be es nichts, ja man könnte sagen: gäbe es nur das Nichts.

Denn alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, hat eine Geschichte in der Zeit: der Fluss, der sich über Jahrhunderte sein Flussbett selbst gegraben hat, der Baum, der über Jahrzehnte gewach­sen ist, das Musikstück, das sich vor unseren Ohren ent­fal­tet, der Mensch, der sein Leben lebt und gelebt hat.

Die Kette der Zeit ist also, wenn wir nur genau genug darauf achten, spürbar – hörbar – sichtbar. Sie ist nicht etwas Abstraktes, das nicht existierte, wenn wir nicht daran den­ken würden. Sie ist viel­mehr das höchste Reale: das geheime Band, das, alles, was ist, für uns erst erfahrbar macht.

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Aber damit etwas spürbar ist, bedarf es des Fühlens; damit etwas sichtbar ist, bedarf es des Sehens; und damit etwas hörbar ist, bedarf es des Hörens. Fühlen, Hören und Se­hen sind den lebendigen We­sen vorbehalten, die zugleich – eingeordnet in den Lauf der Vergänglichkeit – sterbliche Wesen sind.

So ist die Kette der Zeit nur den Sterblichen lesbar und weder den Dingen (die unter der Zeit sind) noch den Göttern (die über der Zeit sind). Und so scheint es, dass der Preis da­für, dass wir uns des Vergänglichen bewusst sind, der ist, dass wir selber ver­gäng­lich, dass wir lebendig und damit sterb­lich sind.

Wenn wir an jemanden denken, der verstorben ist, wenn wir seiner gedenken, so wer­den wir uns zwar unserer eigenen Vergänglichkeit bewusst, aber erfahren auch, dass der, an den wir denken, immer noch gegenwärtig ist, nicht nur in Form von Er­in­ne­run­gen – das wäre zu kurz gegrif­fen –, son­dern in Form von Spuren, die er uns durch sein Leben hinterlassen hat.

Sobald wir an jemanden denken, der verstorben ist, denken wir also an jemanden, der durch die Spuren seines Lebens in die Kette der Zeit eingegangen ist, und indem wir seiner gedenken, werden wir uns nicht nur seines Halts, und das heißt, seines Wei­ter­le­bens in der Kette bewusst, sondern wir geben ihm auch selbst dort Halt, rufen ihm aus der Ferne der Gegenwart zu: „Du bist da!“

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Ich habe mit einigen wenigen, kargen Worten versucht, der geheimen Verbindung zwi­schen Ver­gänglichkeit und Sterblichkeit auf den Grund zu gehen, die mehr ist als das Verhältnis von Allgemei­nem und Besonderem.

Während wir dazu neigen anzunehmen, dass das Besondere im Allgemeinen auf­ge­ho­ben ist, so zeigt sich nun: Es ist das Allgemeine, das im Besonderen aufgehoben ist, denn nur durch die, die lebendig und damit sterblich sind, ist die Kette der Zeit über­haupt spürbar, hörbar und sichtbar.

Und so stehen wir staunend vor dem Umstand, dass das, was vergeht, in der Kette der Zeit, die nie vergeht, aufgehoben ist, aber wiederum diese Kette nur erfahrbar ist durch diejenigen, die selbst – als Sterbliche und nur als Sterbliche – in sie eingehen.

Die Kette der Zeit bleibt also ein Geheimnis, unser Geheimnis. Und so auch Ver­gäng­lich­keit und Sterblichkeit: Wenn die Kette der Zeit, in der alles Vergehen einen Halt hat, durch keinen Sterblichen erfahrbar wäre, gäbe es sie dann überhaupt? – Unsere Tage altern und vergehen, aber wir wissen nicht, wie uns geschieht.

(Die Ausstellung zum Thema „Vergänglichkeit“ findet statt vom 30.8. bis 22.10. in der Ta­bor­kirche Berlin-Kreuzberg, mit Bildern und Objekten von Burghild Eichheim, Matt Grau, Morelli, Dirk Galinsky, Black George, Liudmila Kochura, Walter Thomas, Vera Kino, Lisa Simon, Matthias Wodke, Marionette Skurril, Manuela Schwandt, Jürgen Bauer, Almuth Müller, Arwith Bartsch und Jürgen Knop.)

Berlin, 31 August 2015

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Michael TheunissenAuf den Tag genau vor drei Mo­na­ten, am 18.4.2015, ist Michael Theu­nissen, mein lang­jähriger uni­ver­si­tä­rer Lehrer und philo­so­phi­scher Men­tor, im Alter von 82 Jahren ge­stor­ben. Für viele war er in der Form seiner Lehre und Forschung ein Vorbild, von seiner intransigenten, hochreflektierten christlichen Über­zeu­gung und den mit ihr ver­bun­de­nen politischen, inellektuellen, aber auch emotionalen Konsequenzen hielten jedoch die meisten wenig. Es war an­stren­gend mit ihm zu diskutieren, weil er an einer Reihe wohldefinierter Prinzipien festhielt, die es ihm jederzeit ermöglichten, klar Stel­lung zu beziehen.

Das wurde dann nicht selten von denjenigen, die es betraf, manchmal aber auch von den­je­ni­gen, die es gerade nicht betraf, mit den Worten kommentiert, Theunissen sei eben ein „komplizierter Mensch“, und es sei einfach wichtig, ihn das eigene Unver­ständ­nis nicht auch noch spüren zu lassen – denn „wenn man etwas von ihm wolle“ – und es gab zu der damaligen Zeit viele, die etwas von ihm wollten –, sei das „nur kon­tra­produktiv“.

Ich habe Theunissen nie in dieser Weise verstanden und wahrgenommen. Er be­ein­druck­te mich gerade durch seinen christlich-jüdischen Glauben und durch die Kon­se­quenz, mit der er an ihm festhielt und ihn lebte (Denken und Existieren waren bei ihm eins). All die Prinzipienlosen, die nur mal eben schnell er­fahren wollten, wie es anging, mit Hegel gegen Hegel zu argumentie­ren, um dann mir nichts dir nichts zum nächsten Philosophen überzugehen, ließ er abblitzen. Aber manches Mal wurde er auch von dem einen oder anderen geblendet und konnte dann, wenn er es bemerkte, unangenehm werden.

Unvergesslich ist mir eine Seminarszene, in der er seiner Enttäuschung über einige dieser Blender Ausdruck verschaffte: „Sie glauben, Intellektuelle zu sein, sind aber nur akademische Wichte. Denn seit wann sind Akademiker Intellektuelle? Und wenn sie glauben, ich hätte es nötig, hier zu sein, dabei zu bleiben, so täuschen sie sich. Ich kann überall hingehen, ich hänge nicht an meinem Stuhl. Das hätten sie nur zu gern.“ Niemand hat na­türlich damals verstanden, worum es ging. Ich, der ich damals noch glaubte, an der Universität mein Glück machen zu können, war sogar im Innersten verstört. Aber ich ahnte schon, worauf das hinauslief.

Es ist Usus, anlässlich des Todes eines bedeutenden Philosophen sich noch einmal mit seiner Philosophie zu beschäftigen und sich ggf. über sie auszulassen. Ich habe dazu keine Veranlassung. Wer wissen will, was Michael Theunissen gedacht hat, lese seine Bücher und Texte. Ich kann sie nur jedem philosophisch Interessierten ans Herz legen. Es bedarf keiner expliziten Deutung seiner Arbeiten – und in der Auseinandersetzung mit ihnen zumal nicht einer schumeisterlichen Hermeneutik, der nur allzu Viele, die sich seine Schüler nennen, heute anhängen. Das Verstehen des Verstehens des Ver­ste­hens – undsoweiterundsofort – wer kann, nein wer wll diese lächerliche, pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Leier weiterhin ertragen?

Ich schreibe an meiner – vielleicht im Vergleich zu seiner nicht so gut durchdachten, eher kümmerlichen – Version von Philoso­phie in einem ständi­gen, stillen Dialog mit ihm (vgl. Biographie), der erst abreißen wird, wenn ich selber sterbe. Und ich habe dabei, in einer (weil es meine Art ist) leicht abgewandelten Form, stets den Spruch des Rabbi Tarphon aus den Pirqé Avót auf den Lippen: „Von mir wird zwar nicht verlangt, mein Werk zu voll­en­den, aber es steht mir auch nicht frei, davon abzulassen.“

PS. (das mag vielleicht noch eine Anmerkung wert sein): Bald nach Theunissens Tod meldete sich einer seiner Adepten aus der Heidelberger Zeit bei mir und wollte „freund­lich anfragen“, ob ich mich nicht, selbstverständlich mit ein paar Euro, an einer „Anzeige von Freun­den, Kolle­gen und Schülern“ in der FAZ beteiligen wolle. Was ich von dieser freund­li­chen Anfrage gehalten habe, kann man in einem mei­ner neueren Beiträge zu meinem Blog nach­lesen, hier: www.christiankupke.wordpress.com.

Berlin, 18.Juli 2015

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Tag für Tag lässt sich in den Me­di­en, ob im Fernsehen, in den Zei­tungen oder im In­ter­net, be­ob­ach­ten, dass Philosophen in Deutschland in der Rolle des öffent­li­chen In­tel­lek­tu­el­len nicht mehr gefragt sind und als solche auch nicht auftreten. Ein Bei­spiel:

Die Berliner Tageszeitung (Taz) organisiert am 25.4.15 ihren so genannten „Gedöns-Kon­gress“ unter dem Motto „Was wirklich zählt“. An einem einzigen Tag kommen hier als ReferentInnen und Mode­ra­torInnen etwa 200 (!) Journalisten, Wissenschaftler, Po­li­ti­ker und Künstler – meinetwegen Intellek­tuelle – zusammen, um über aktuelle The­men der Zeit zu diskutieren.

Gedoens-Kongress TAZ

Es ist, wenn ich nichts über­se­hen habe (das Programm hat über 40 Seiten), kein ein­zi­ger Philosoph dabei. Zumindest be­zeichnet sich keiner als solcher oder wird keiner als solcher bezeichnet. Aber, und das ist doch wirklich be­merkenswert, es gibt zwei Ver­an­stal­tun­gen, die folgende Untertitel tragen: „Ein philosophisches Ge­spräch mit …“ und „Ein phi­lo­so­phi­scher Workshop mit …“.

So wie sich also, um es noch mal klar zu sagen, an dem ganzen Kongress, auf dem es um so wichtige The­men geht wie um das Verhältnis von Freiheit und Gemeinwohl, um Le­bens­mo­delle im Alter, um Fra­gen der Utopie, um Menschenrechte usw. kein einziger Phi­losoph beteiligt, so ist auch bei den philosophischen Gesprächen und Workshops kein ein­ziger Philosoph dabei.

Ich mei­ne, das ist doch nun wirklich verrückt. Auf der einen Seite verlangen wir von Phi­lo­so­phen, sie sollten sich um ihrer ge­sell­schaft­li­chen und politischen Wirksamkeit willen als Wissenschaftler bezeichnen, betätigen und be­währen – das wä­re dann so eine Art Outing, und das passt ja auch zum öffentlichen In­tellektuellen: als solche sind „Phi­loso­phen“ heute eben Kulturwissenschaftler, Me­dien­wis­sen­schaft­ler, Kommunikations­wis­sen­schaft­­ler, Geschlechterforscher, Klimakulturforscher usw.

Aber auf der anderen Seite ist man dann offen­bar doch der Meinung – ein solches Man nennt man die öffentliche Meinung –, dass es zum guten Ton gehört, sich auch mal phi­lo­so­phisch zu äußern. Denn was wäre ein „wissenschaftliches Gespräch mit …“ oder ein  „wis­senschaftlicher Workshop mit …“, wenn nicht etwas furchtbar Lang­wei­li­ges, furchtbar Angestaubtes …

Berlin, 20. April 2015